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Wie gründe ich ein Wohnprojekt? Ein Beitrag von Andrej Schindler

Mai 6, 2021 | 0 Kommentare

Jedes Wohnprojekt bildet – unabhängig von seiner Größe – eine eigene kleine Gemeinschaft, mit eigenen Gesetzen und eigener Kultur. Strukturen und Denkweisen, die aus dem „individuellen Leben“ stammen, funktionieren hier nicht. Es erfordert ein neues Denken und Handeln in fast allen Bereichen. Wie kommunizieren wir untereinander? Wie sind die Entscheidungswege? Wie finanzieren wir unser Vorhaben? Wie gehen wir mit Konflikten um? Wem gehört hier was? Alles Fragen, die gestellt und gelöst werden müssen. Das Besondere  und gleichzeitig Herausfordernde ist dabei der gemeinschaftliche Prozess. Fragen und Probleme können und müssen nur gemeinsam gelöst und beantwortet werden.

Bausteine eines Wohnprojekts
Obwohl jedes Projekt individuell ist, gibt es einige Gemeinsamkeiten – Bausteine – in der Entwicklung. Fünf Bausteine haben sich in der Umsetzung etabliert.

1. Menschen / Gruppe:
Hier geht es darum, Geleichgesinnte zu finden um gemeinsam an dem Vorhaben zu arbeiten. Das können Familienmitglieder und Freunde sein, aber auch eine Annonce in einer Lokalzeitung hat sich oft bewährt. Das Wohnprojekte-Portal der Stiftung trias ist eine gute Adresse um Gleichgesinnte zu suche.

2. Idee/Konzept:
Hat sich eine Kerngruppe gebildet, geht es im nächsten Schritt um die Ausarbeitung von Gemeinsamkeiten und Zielen. Was verbindet die Gruppe? Was will man gemeinsam realisieren? Dieser Baustein wird oft vernachlässigt, was später zu Problemen führen kann. Es lohnt sich hier etwas Zeit zu nehmen und punktuell auch Berater*innen mit Erfahrung zu suchen. Steht die Gruppe, so können alle weiteren Herausforderungen gut gemeinster werden.

3. Vereinbarungen / Rechtsform:
Für den Erwerb von Grundstücken/Immobilien, aber auch für das Auftreten nach Außen ist die Gründung einer Rechtsform wie beispielsweise einer Genossenschaft, eines Vereins oder auch einer GmbH notwendig. Die Rechtsform des Wohnprojekts richtet sich nach den Vorstellungen und Bedürfnissen der Gruppenteilnehmer. Dabei spielen Fragen, wie Eigentum, Mitbestimmung und finanzielle Möglichkeiten der Einzelnen eine Rolle. Hier lohnt es sich möglichst gut über die Möglichkeiten zu informieren, bestehende Projekte nach ihren Erfahrungen zu fragen und dann einen Fachanwalt*in, bzw. einen Genossenschaftsverband möglichst frühzeitig zu konsultieren. Eine Auswahl an guter Literatur, die sich mit dem Thema Rechtsformen für Wohnprojekte beschäftigt, findet man hier.

4. Finanzierung:
Für den Erwerb, Neubau/Sanierung ist eine Finanzierung notwendig. Die Finanzierung setzt sich meist aus dem Eigenkapital (Anteile der Gruppenteilnehmer), sowie einer Bankfinanzierung zusammen. Hier empfiehlt es sich möglichst frühzeitig mit einer Bank, wie z.B. mit der GLS Bank, der Umweltbank oder einer örtlichen Bank ins Gespräch zu gehen. Zur Finanzierung gehört auch die Berechnung der Wirtschaftlichkeit. Wie hoch wird die monatliche Belastung für den Einzelnen sein? Liegen alle Informationen, Berechnungen und Unterlagen zur Immobilie vor, kann die Bank den Antrag prüfen und eine schriftliche Finanzierungszusage ausstellen. Diese ist für den Erwerb des Grundstücks/Immobilie notwendig.

5. Grundstück/Immobilie:
Stehen die gemeinsamen Ziele fest, ist eine Rechtsform gewählt und gegründet und liegt eine Finanzierungszusage einer Bank vor, kann die Wunschimmobilie erworben werden und das Gebäude gebaut bzw. ein bestehendes saniert/umgebaut werden. Für den Erwerb des Grundstücks wird ein Kaufvertrag von einem Notar vorbereitet und den Parteien zur Prüfung vorgelegt. Die Beurkundung findet dann beim Notariat statt. Sind alle im Vertrag vereinbarten Bedingungen, z.B. die Kaufpreiszahlung, oder die Begleichung der Grunderwerbsteuer erfüllt wird der neue Eigentümer im Grundbuch eingetragen.

Fachunterstützung
Um möglichst effizient und kostengünstig zu arbeiten lohnt es sich für alle Bausteine Experten*innen dazu zu holen. Punktuelle oder intensive Begleitung durch Experten*innen kostet zwar, führt aber zu schnelleren Ergebnissen, was langfristig Geld spart.

Informationen / Netzwerk
Auf dem Wohnprojekte-Portal (www.wohnprojekte-portal.de), sind viele Informationen zu allen wichtigen Bereichen der Wohnprojektentwicklung zu finden; unter anderem eine Auswahl an Berater*innen, eine Literaturliste zu allen Bausteinen, einen Veranstaltungskalender und ein bundesweites Netzwerk mit Projektbeispielen. Gelichzeitig bestehen mittlerweile in vielen größeren Städten Beratungsorganisationen, die teilweise von den Kommunen finanziert werden. Es lohnt sich dort anzufragen und um Unterstützung / Beratung zu bitten.

Weiterführende Links:
Wohnbund, Verband zur Förderung wohnpolitischer Initiativen: www.wohnbund.de
Mietshäuser Syndikat: www.syndikat.org
FORUM Gemeinschaftliches Wohnen e.V., Bundesvereinigung: www.fgw-ev.de
Mitbauzentrale München: www.mitbauzentrale-muenchen.de

Zur Person
Dieser Beitrag wurde von Andrej Schindler erstellt. Andrej ist Unternehmer, Berater und „am Menschen Interessierter“. Er hilft geplanten Wohnprojekten, von der Idee des gemeinsamen Lebens und Wohnens zur konkreten Umsetzung zu gelangen. Mehr Infos zu ihm und seiner Arbeit findet ihr auf seiner Website.

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